Adobe Audition 3

Also vor einiger Zeit auf der Adobe Live in Köln Jason Levine seine Hände in die Höhe streckte und rief "If you can see it, you can heal it", musste ich unweigerlich an eine Scientology-Messe denken. Mit dem Unterschied, daß die Hirnwäsche hier viel schneller vonstatten ging, als ich erwartet hatte. Es reichten ein paar Klicks auf dem Präsentationsrechner und ich war absolut begeisterter Adobe Audition Fan.

Damals nutzte ich das Tool CoolEdit immer mal gerne um Audiodateien zurechtzustutzen, oder Lautstärken zu verändern oder ähnlicher Kram. Als Adobe das Programm dann kaufte und in Audition umtaufte, wurde es ein bisschen teuer für die paar Grundfunktionen, die ich aus dem Programm zog. Natürlich hatte ich schon erwartet, daß hinter Audition ein wenig mehr steckt, als nur Lautstärkeregelung. Aber wieviel sich dann tatsächlich dahinter verbarg, hatte ich auch nicht erwartet.

Besonders beeindruckend waren die Surround Optionen, mit der man in einem Multi-Track-Projekt die einzelnen Tracks in einem virtuellen Raum platzieren konnte. Die Sprecherstimme direkt von vorne, ein wenig Straßenlärm von hinten links, dann ein fettes Türenklatschen und Schritte von hinten rechts, usw... Die korrekte Aufteilung auf die Surround-Boxen wurde dann automatisch generiert.

Aber noch besser war die Spektralfrequenzanzeige. Statt der bekannten Wellenform, kann man sich dort eine Anzeige aufgeteilt in Zeit und Frequenz anzeigen lassen (in meinem Artikel über das Rode Video Mic habe ich einmal ein paar Screenshots dieser Anzeige eingebaut). Über diese Anzeige lassen sich störende Töne frequenzgenau lokalisieren und entfernen. Hört man also einen tiefen Bass und darüber ein schrilles Handy-Klingeln, lässt sich ohne Probleme das Handy-Klingeln löschen, ohne daß der Bass dabei ebenfalls Frequenzen verliert.

Jetzt geht Adobe allerdings noch einen Schritt weiter, indem sie ein Photoshop-Werkzeug in diese Anzeige integrieren: Die Healing-Brush. Wer sie nicht kennt: In Photoshop ist die Healing-Brush ein Werkzeug mit dem man Stellen in einer Struktur "heilen" kann, wie z.B. Pickel oder Hautunreinheiten. Man markiert grob den Pickel und das Werkzeug nimmt automatisch umliegendes Material und übermalt damit den Pickel. D.h. mit ein paar Klicks ist nicht nur der Pickel weg, sondern man sieht stattdessen auch noch, was dort normalerweise sein müsste. Nämlich strahlend saubere Haut.

In der Spektralfrequenzanzeige funktioniert das ähnlich. Löscht man eine störende Frequenz, hört man dies oft, weil ja normalerweise an der Stelle und Frequenz an der das störende Handy klingelt, auch noch andere Geräusche zu hören sind, wie z.B. das Eigenrauschen des Mikrofons, oder Hintergrundgeräusche. Mit der Healing-Brush ist das kein Problem. Einfach die störende Stelle markieren und das Werkzeug besorgt sich die Geräusche auf den umliegenden Frequenzen und überschreibt damit das Handy-Klingeln. Auf diese Weise könnte man mit ein bisschen Arbeit sogar zwei Handys gleichzeitig klingeln lassen, und einen Klingelton im Nachhinein wieder entfernen...

Das einzige was keinen Sinn macht ist, daß Adobe Audition in keiner der Suites von Adobe angeboten wird. Absolut unverständlich. Stattdessen wird eine total abgespeckte Variante namens Soundbooth geliefert, die aber nichtmal annähernd die Möglichkeiten von Audition bietet. Auf Anfrage teilte mir Adobe mit, daß der Haupt-Kundenstamm der Suites Grafikdesigner seien, die zwar um Audio-Korrektur nicht drumherum kämen, aber deren Hauptfähigkeiten im Grafik- statt im Audio-Bereich lägen.

Eine Fehleinschätzung wie ich finde. Es gibt schließlich auch die Production Suite in der sich hauptsächlich Video-Tools finden. Und Video und Audio gehören so fest zusammen wie Fische und Wasser.